Die besten Jahre liegen vor uns

von Dirk Schröder (Kommentare: 5)

In der zweiten Hälfte wird das Spiel entschieden

Jeden Tag fahre ich den langen Kopfsteinpflasterweg vor unserem Haus hoch und runter. Und jeden Morgen, wenn es zu einem Termin geht, sehe ich in einem der Häuser dort ein altes Ehepaar am Fenster sitzen und frühstücken. Tag ein, Tag aus. Schon seit Jahren.
Doch neulich, als ich nach Hause kam, zog eine neue Familie in dieses Haus ein. Kein Ehepaar mehr am Fenster. Das löste in mir eine ganze Reihe an Gefühlen und Fragen aus.

Ich habe diese Situation auf Kirstin und mein Leben übertragen. Irgendwann wird auch in unserem Haus eine neue Familie einziehen. Dieser Gedanke machte mir die Endlichkeit unseres Lebens noch einmal ganz neu bewusst. Einerseits spürte ich eine tiefe Dankbarkeit für jeden Tag, den wir geschenkt bekommen. Und andererseits stellte sich mir die große Frage: was hinterlassen wir, wenn wir nicht mehr hier sind? Worauf kommt es wirklich an – was hat Bestand?

Wie gestaltest du dein Leben bis zum Abpfiff?

Stell dir vor, dein Leben ist wie ein Fußballspiel. In der ersten Hälfte entscheidet sich meistens gar nichts: wir lernen uns selbst kennen, wir lernen unsere Gegner kennen, wir experimentieren mit Strategien, rennen manchmal kopflos über das Spielfeld und erleben erste Erfolge und Misserfolge. Aber die großen Entscheidungen? Die werden erst in der zweiten Hälfte getroffen. In der Halbzeit wird mit dem Trainer analysiert, neu aufgestellt. Man weiß dann schon wesentlich besser, mit welchen Menschen man gut funktioniert und wie gespielt werden soll. Aus der Erfahrung der ersten Halbzeit wächst eine Sicherheit für die zweite Halbzeit. Und die ist ungemein wichtig!

Auf meinen KINGFISHER-Törns spreche ich regelmäßig mit erfolgreichen Männern, die mit all ihrer Erfahrung und Know-How die zweite Halbzeit ihres Lebens eigentlich mit Bravour meistern könnten. Doch die traurige Erkenntnis macht sich schnell breit: "Ich habe zu viel Zeit in meine Arbeit gesteckt und dabei Familie und Freunde vernachlässigt. Glücklich und erfüllt bin ich damit nicht." Es macht mich so traurig zu hören, wie sich Männer in ihrem besten Alter so verrennen. Was hätten sie nicht alles zu geben: als Ehemänner, als Väter, als Freunde und als Mentoren.

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Wer investiert in die nächste Generation?

Erinnert ihr euch noch an eure "erste Halbzeit"? Unsichere Jahre, in denen man sich mühsam finden muss. Viele offene Fragen, auf die man an allen möglichen Orten Antworten sucht. Die Angst, seinen Platz nicht zu finden - oder sich selbst. Habt ihr euch in dieser Zeit alleine gefühlt? Was hättet ihr gebraucht, um ermutigt und gestärkt zu werden? Ich bin mir ganz sicher: in dieser Zeit braucht es Mentoren, die uns väterlich begleiten, die uns stärken, uns neu aufstellen und auf den weiteren Spielverlauf vorbereiten. Wie gut es tut, wenn ein junger Mann sieht: da ist jemand an meiner Seite, der die erste Halbzeit bereits erlebt hat und mir nun selbst da durch hilft. Davon braucht es viel mehr!

Ich habe über dieses Thema mit Micha Kunze, der meine Videoserie "Vaterkraft" verantwortet hat, gesprochen. Er konnte das nur bestätigen: "Ich dachte, ich komme locker alleine zurecht. Aber ziemlich schnell hat sich meine Naivität in richtige Angst verwandelt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit meinen Ungewissheiten klar kommen sollte. Als ich mich dann endlich meinen Mentoren öffnete, habe ich erst begriffen, wie wichtig das für mich ist. Da ist jemand, der schon mal in meinen Schuhen war und selbst diese Zeit durchgestanden hat. Diese Hilfe hat mir unendlich viel Kraft und Sicherheit gegeben!".

Worauf kommt es im Leben wirklich an?

Wisst ihr, was für ein Schatz darin liegt, wenn gestandene Männer im besten Alter die Entscheidung treffen, genau zu diesen Mentoren zu werden? Wenn wir uns dazu entschließen, unser Wissen, unsere Erfahrung, unsere wertvollen Gedanken, unseren Glauben an die nächste Generation weiterzugeben? Das ist ein Vermächtnis, das richtig Kraft hat! Und es wird noch viele Generationen überdauern! In der Bibel haben ganze Generationen Gott vergessen, weil die Älteren nicht mehr von ihren Erlebnissen mit Gott berichtet haben. Unsere Erlebnisse mit Gott müssen dieses Jahr frisch auf den Tisch, damit die Jüngeren sehen, dass es einen mächtigen Gott in unserem Leben gibt. Dann können sie entscheiden: wähle ich Segen oder Fluch? Aber sie brauchen die Einblicke dazu, wie sollen sie sonst entscheiden?

Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass vielen Männern mit fortschreitendem Alter auch immer klarer wird, worauf es wirklich ankommt. Ist es wirklich, noch mehr Geld zu verdienen? Noch mehr Überstunden zu schieben? Natürlich nicht. Und das merken auch viele. Ich habe mich neulich selbst dabei ertappt, wie ich in meiner Arbeit fast versunken bin. Dann wurde mir klar, dass meine Kinder bald alle aus dem Haus sein werden. Möchte ich die Möglichkeit verstreichen lassen, das nochmal richtig auszunutzen? Ich habe kurzerhand entschlossen, mit meiner wunderbaren Tochter Marie spontan Essen zu gehen und ganz bewusst Zeit mit ihr zu verbringen. Ich habe Sehnsucht nach solchen Momenten - und ich weiß, dass es vielen anderen Männern genau so geht.

Wie geht es jetzt weiter?

Die besten Jahre liegen vor uns. Wir haben das große Privileg, in unsere Freundschaften, Familien, Partner und junge Menschen zu investieren. Wir haben in der Hand, wie sich unsere zweite Halbzeit gestaltet und ob wir sie sinnvoll abschließen. Möchtest du, dass deine Halbzeit ein lahmer Kick wird? Sich alles nur um dich dreht? Oder du sogar passiv auf der Reservebank sitzt und auf die Rente wartest? Du hast in der Hand, wie sich dein Leben gestaltet und wie du deine Erfahrung sinnvoll teilst. Versinke nicht in der Passivität und besinne dich darauf, was wirklich wichtig ist.

Ich ermutige dich, dein großes Lebensbild anzusehen. Kannst du drei Dinge nennen, die dir darin so wichtig sind, wie sonst nichts? Wie kannst du es schaffen, in der nächste Woche ein, zwei deutliche Impulse dahin zu setzen? Es sind kleine Schritte, die entscheiden, wohin die Reise geht. Berichte mir gerne davon in den Kommentaren. Ich bin gespannt zu hören, wie du deine Zeit investierst und was dir auf dem Herzen liegt. Ich kann dich nur darin bestärken: anderen Menschen deine Zeit anzuvertrauen und in Menschen zu investieren, bringt so eine unglaubliche Erfüllung. Ich wünsche dir, dass du das auch in deiner 2. Halbzeit erlebst!

Herzlich Dein
Dirk

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Kommentar von Tobias R. |

Danke für deine Zeilen.
Vor gut 4 Wochen bin ich 40 Jahre alt geworden, und ich spüre deutlich das nun die 2.Hälfte beginnt.
Ich frage mich wohin mein Weg geht, denn beruflich geht es gerade bergauf und die Familie ist glücklich und gesund. Dazu habe ich noch die tollste Frau der Welt.Was will MANN also mehr.
Da kamen deine Worte heute genau zum richtigen Zeitpunkt.
Vielen Dank dafür!!

Herzliche Grüße Tobias

Kommentar von Franz T. |

Vor ca 25 Jahren habe ich die Werkmeisterschule für Industrielle Elektronik gemacht. Nach den ersten Wochen in denen man es wieder lernen muss zu lernen und nach einem harten Arbeitstag als Aufzugmonteur am Abend die Schulbank zu drücken, kam ich gut zurecht und schaffte das erste Semester in denen sich die Spreu vom Weizen trennte und viele "Mitschüler" aufgaben. Nach diesen 2 Jahren gab es die Möglichkeit gleich in die 3. Klasse HTL (Berufsbildende Mittelschule) einzusteigen und einen Ingenieursabschluss in Informatik zu machen. Dies hätte bedeutet, drei Jahre jeden Abend nach der Arbeit Schule, am Wochenende lernen. Johann, meine Frau wollte mich dabei unterstützen gab aber zu bedenken, dass ich dann drei wichtige Jahre unserer Kinder (2 u. 4 Jahre) verpassen würde.
Dieser Gedanke lies mich meine Karrierepläne überdenken und ich entschied mich gegen die Ausbildung und stieg als Spezialist für Qualitätssicherung nicht ganz so weit auf als ich es als Ingenieur hätte tun können, musste auch weiter Schmutz und körperlich schwere Arbeit in Kauf nehmen. Die Früchte die ich heute in der Beziehung zu unseren mittlerweile Erwachsenen und verheirateten Kindern (und bald 4 Enkelkinder) ernten darf, ist mit keiner noch so tollen Karriere zu vergleichen.
Ich kann deine Botschaft, was wirklich zählt nur bekräftigen. Als weitere Bestätigung eine der längsten Studien von Harvard "What makes a good live". https://www.ted.com/talks/robert_waldinger_what_makes_a_good_life_lessons_from_the_longest_study_on_happiness
Herzliche Grüße Franz

Kommentar von Armin K. |

Hallo Dirk
Danke für deine ermutigden Berichte. Ich lese sie immer mit viel Gewinn. Ich selber bin 62 Jahre alt. Meine drei Kinder sind schon ausgeflogen. Vor 2 Jahren habe ich mich noch selbständig gemacht. Seid Dezember 18 bin ich Grosvater geworden. Im Moment bin ich am Umbau meines Elternhaus. Mein mitlerer Sohn wird dort mit seiner jungen Familie dort einziehen. Ich freu mich unsere Kinder weiterhin unterstützen zu können. Als Eltern können wir uns weiterhin in unsere erwachsenen Kinder infestieren. Für mich steht die Familie und auch meine liebe Frau an oberster Stelle. Vor dem Geschäft.
Liebe Grüsse Armin

Kommentar von Marco R. |

Lieber Dirk,
Du findest gute Worte für dieses wichtige Thema.
Auch die Analogie zum Fußballspiel ⚽️ ist total passend.
Selbst wenn man 0:4 zurück liegt, ist in der zweiten Halbzeit noch alles möglich.

Ich habe als Überschrift für meine zweite Lebenshälfte „Menschen fördern“ gewählt.
Ich bringe dafür gewisse Opfer (Sicherheit und Finanzen, aber diese Themen werden eh oft überbetont),
aber diese neue Freiheit und das Wagnis auch mal über das Wasser zu gehen, tut mir und meinem Leben gut.
Auch als Familie fühlen wir uns durch dies gemeinsame Erleben bereichert.

Herzliche Grüße von der Nordsee an die Ostsee
Marco R.

Kommentar von Thomas S. |

Hallo aus Österreich,
ich bin letztes Jahr 50 geworden. vor 7 Jahren habe ich mich Selbständig gemacht und bin ziemlich auf die Nase gefallen. So arbeite ich heute wieder als Reperaturschlosser in einem Industriebetrieb. Karriere war mir persönlich nicht so wichtig im Leben und deshalb habe ich immer schon lieber in Menschen investiert als in Karriere. In unserer Ehe geht es leider nicht sehr gut und wir wissen manchmal auch nicht wie wir weiter gehen sollen. Unsere Tochter wird heuer 14 und ist ein wahrer Lichtblick. Sie ist so großartig, das sie es schafft mit ihrer wundervollen Art uns doch immer wieder ein lächeln auf die Lippen zu bringen. Unsere Beziehung ist da sehr gut undsie ist gerne zu Hause und auch mit mir gerne unterwegs. Sie liebt die Zeiten mit Papa.
Ich bin ja in der zweiten Lebenshälfte und mit ist es schon ein großes Anliegen meine Erfahrungen an andere weiter zu geben. Oft bekomme ich dazu Gelegenheit an meinem Arbeitsplatz. Manchmal bin ich echt erstaunt wie so passiert und sich tiefe Gespräche dadurch ergeben. Manch einer findet dadurch zu Sinn und Veränderung die sein Leben umkrempelt